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IPPNW Österreich (OMEGA)

International Physicians for the Prevention of Nuclear War - Austria

 
Von der Hölle ins Paradies Drucken
Geschrieben von Dr. Eva-Maria Hobiger   
Thursday, 10. August 2006

Unsere Hilfe für die schwerkranken Kinder in Basra geht weiter, trotz der täglichen Eskalation der Gewalt im Irak, trotz der Entführungen, trotz der kritischen Sicherheitslage. Aber wie könnten wir die Kinder, für die wir eine Verantwortung übernommen haben, im Stich lassen? Sie sind weiterhin auf unsere Hilfe angewiesen. 

Kurz vor Jahresende 2004 erhielt ich die Nachricht, dass die Deutsche Diakonie-Katastrophenhilfe und das Deutsche Auswärtige Amt Gelder für den Ankauf von Medikamenten und medizinischem Material für das Kinderspital in Basra zur Verfügung stellen werden. Es handelte sich um große Summen: insgesamt Euro 170.000,- Das war kurz vor meiner Irakreise im Dezember 2004. Nun, Anfang August 2005, war es so weit: mit DHL sollte die Fracht von Deutschland nach Kuwait geschickt werden, von dort sollten wir den Weitertransport in den Irak begleiten. Am 3. August flogen wir nach Kuwait, um von dort weiter nach Basra zu reisen. Die Sicherheitslage in Basra begann sich nun auch zu verschlechtern, am Tag unserer Reise wurde ein amerikanischer Journalist ermordet.

Als wir die kuwaitisch-irakische Grenze hinter uns lassen, zeigt das Thermometer im Auto eine Außentemperatur von 54 Grad. Der erste Eindruck von Basra ist noch trostloser als sonst. Müll auf den Straßen, überall – so schlimm war es nicht einmal unmittelbar nach dem Kriegsende. In den Gassen Brandgeruch, man zündet den Müll auf der Straße an, versucht so, dem Übel Herr zu werden. Stinkende Abwässer stehen auf den Straßen, Ratten huschen vorüber. Ein Sandsturm tobt durch die Stadt und das trübe, gelbe Licht macht den Eindruck von der Stadt noch trostloser. Die Luft ist feucht und Sand wirbelt auf, man hat das Gefühl, dass man kaum atmen kann, als ob man gegen einen Widerstand atmen müsse. Der ohrenbetäubende Lärm der Generatoren ist für mich Bestandteil von Basra geworden, wenn sie einmal schweigen, wirkt die Stille fast bedrückend. Es gibt tagelang keinen elektrischen Strom, die Menschen können kaum schlafen wegen der Hitze. So ist es zu verstehen, dass die Menschen untertags nervös und gereizt sind. Ein Streit artet leicht in Drohungen und Handgreiflichkeiten oder auch mehr aus.

Seit Jahresbeginn 2003 unterstützen wir die Kinderkrebsstation durchgehend mit den notwendigen Medikamenten für die Krebsbehandlung.  Professor Jenan, die Leiterin der Abteilung, zeigt mir stolz ihre Statistik. Sie habe kaum mehr Todesfälle auf der Station, praktisch nur mehr diejenigen Kinder, die in einem sehr späten Stadium zur Behandlung gebracht werden und wo man kaum mehr etwas tun könne. Jedes Mal wenn wir hier sind, höre ich die Worte aus ihrem Mund: „Ihr habt das Leben vieler, vieler Kinder gerettet!“ Im Monat Juli wurden 14 neue Fälle von kindlicher Leukämie registriert, eine horrende Zahl angesichts der Bevölkerungszahl in diesem Einzugsgebiet. Die Ärztin erzählt, dass die Abteilung überquillt und zeitweise die kleinen Patienten auf dem Boden schlafen müssten, weil alle Betten – manchmal mehrfach – belegt sind. Die Medikamente zur Behandlung der Kinder kommen ausschließlich von uns. Im Nachkriegsirak gibt es kein Geld für Krebskranke. Die Patienten kommen von weither zur Behandlung, da es sich im ganzen Land herumgesprochen hat, dass hier die Medikamente vorhanden sind, sogar aus Bagdad kämen krebskranke Kinder hierher zu Behandlung, erzählt der Direktor.

Der 15jährige Mustafa hat seinen linken Arm verloren, er musste amputiert werden, nachdem ihm versehentlich die Chemotherapie in eine Arterie verabreicht worden war (Das war nicht in diesem Krankenhaus passiert!) Nun fragt man mich, ob wir helfen können. Es gäbe keine Armprothesen im Irak. Und der 6jährige Abbas würde dringend eine Strahlentherapie benötigen, sein Tumor kommt trotz Operation und Chemotherapie immer wieder. Es gibt in Basra keine Strahlentherapie und die Geräte in Bagdad sind veraltet. Abbas’ Tumor sitzt knapp am rechten Auge, es ist ausgeschlossen, in einer so kritischen Region mit den alten Bestrahlungsgeräten in Bagdad zu behandeln. Ob wir ihn in Wien behandeln können? (Jetzt, zu Jahresende, ist Abbas in Wien und erhält eine Strahlentherapie. Alle Spezialisten sind optimistisch, dass Abbas völlig geheilt werden kann.) Der vierjährige Ali sitzt verschüchtert am Boden. Er musste einen künstlichen Darmausgang erhalten, der später, wenn sein Tumor geheilt ist, rückoperiert werden kann. Die Mutter schildert uns verzweifelt ihr Problem: die „Colostomiesäcke“ sind nur auf dem Schwarzmarkt erhältlich und kosten dort pro Stück 3,5 Dollar. Ein Vermögen für die mittellose Frau – und so verwendet sie die Einmalbeutel immer wieder, drei, vier Wochen lang. Hygienisch natürlich eine Katastrophe. Wir rufen die Frau in den Korridor und helfen ihr mit einem kleinen Geldbetrag. Hassan hat einen riesigen, aufgetriebenen Bauch. Viel zu spät hatte seine Mutter das Kind ins Spital gebracht, der Lymphdrüsenkrebs treibt den Bauch des kleinen Buben auf. Die Mutter hatte gedacht, das Kind hätte einfach an Gewicht zugenommen. Nun sitzt sie da in völliger Verzweiflung und erzählt unter Tränen, dass sie ihren Kühlschrank verkauft hätte, weil die Familie nichts mehr zu essen hätte. Auch ihr können wir ein wenig weiterhelfen. Die neunjährige Hadhia liest uns einen Brief vor, den sie an ihre Mutter geschrieben hat, die nicht bei ihr sein kann, weil sie eben erst ein Kind bekommen hatte. In ihrem Brief versichert sie der Mutter ihre Liebe und sorgt sich um Vater, Brüder, Onkel, Cousinen – kein Wort darüber, wie es ihr selbst geht. Sie schreibt Gedichte und malt. Ein Bild fällt mir besonders auf, sie zeichnet ihre Geschwister als hübsche Kinder, sich selbst als grauen, dünnen Vogel, dem die Tränen aus den Augen quellen. Im Bett gegenüber sitzt der 7jährige Sajjad, der durch einen Kunstfehler der Ärzte in einem anderen Krankenhaus ein Auge verloren hat. Da das Spital kein Geld für Instandsetzungsarbeiten hat, sind wieder einige Ausbesserungen auf der Kinderkrebsstation notwendig geworden. Dank einiger Spender können wir diese Arbeiten in Auftrag geben.

So erfreulich sich die Entwicklung auf der Kinderkrebsstation zeigt, so tragisch ist sie in anderen Abteilungen. Jetzt im Sommer gibt es wieder besonders viele Kinder, die an chronischem Durchfall erkrankt sind und für sie gibt es praktisch kaum Behandlungsmöglichkeiten. Die Spezialnahrung, deren sie bedürften, gibt es in Basra nicht und der Vorrat, den wir im Vorjahr gebracht hatten, ist längst aufgebraucht. Dr. Jenan erzählt mir, dass es viele Cholerafälle gebe, Ruhr und Typhus und unzählige schwere Durchfallerkrankungen. Schuld daran ist die schlechte Wasserqualität und die Tatsache, dass sich die armen Leute das saubere Wasser nicht kaufen können. Wir hören von Familien, bei denen sich die einzelnen Familienmitglieder beim Frühstück abwechseln müssen, denn es gibt nicht genug zu essen. So hat jeder nur einmal pro Woche ein Frühstück. Die Angst ist zu einem ständigen Begleiter geworden im Alltag des Lebens im Irak. Die Menschen versuchen trotz allem ein halbwegs normales Leben zu führen und abends treffen sich die Männer im Kaffeehaus und diskutieren bei einer Wasserpfeife ihre miserable Situation.
Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes trifft der LKW mit den Medikamenten ein. Die Hilfsgüter sind unversehrt und können ordnungsgemäß übergeben werden. Bis Februar 2006 wird die Fortsetzung der Behandlung der Kinder möglich sein.
Im April 2005 hatten wir die Umbauarbeiten der Früh- und Neugeborenenabteilung in Auftrag gegeben, jetzt im August sind sie abgeschlossen. Die Mütter von Basra hatten sich zuvor geweigert, ihre Kinder auf dieser Abteilung aufnehmen zu lassen, weil der katastrophal schlechte Zustand dieser Station in ganz Basra bekannt war und nur wenige hier behandelte Kinder überlebten. Das wird nun anders werden, jetzt ist diese Station die beste des gesamten Spitals. Wir sind sehr zufrieden mit der Arbeit der Baufirma und freuen uns beim Anblick der sauberen Räume. Die Abteilung ist nicht mehr wieder zu erkennen. Allerdings, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie sie früher aussah, braucht man bloß die Glastüre, die sie vom Rest des Spitals abtrennt, hinter sich zu lassen. Drinnen ist eine andere Welt, draußen die Wirklichkeit von Basra im August 2005. Wie können wir das erhalten, was wir nun erreicht haben? Um das zu diskutieren treffe ich mich mit Frau Dr. Aida, der Leiterin der Frühgeburtenabteilung. Das größte Problem wäre das Defizit an Pflegepersonal, es gäbe einfach viel zu wenige Krankenschwestern an dieser Abteilung, gemessen an den täglichen Aufnahmen. Drei Schwestern an einer solchen Abteilung wären einfach völlig überfordert. Im Sommer kann es vorkommen, dass täglich bis zu 20 neue Patienten aufgenommen werden müssen. Da die Schwestern unmöglich die ganze Arbeit leisten können, müssen die Mütter auch hier auf der Frühgeburtenabteilung bei ihren Babies sein und das bedeutet dann, dass nicht nur die Mutter, sondern weitere Familienmitglieder Tag und Nacht auf der Abteilung bleiben und auf dem Boden schlafen.

Helfen ist nicht leicht, schon gar nicht im Irak im Jahr 2005. Es gilt, unzählige Hindernisse zu überwinden, Kompromisse zu schließen. Aber wir sind froh, dass unsere Mission trotz der schwierigen äußeren Umstände wieder erfolgreich war. Trotz der Probleme, trotz des allgemeinen Chaos können wir etwas bewegen, können wir helfen. Der Einsatz ist nicht gering, dessen sind wir uns bewusst, es ist unser Leben. Aber wir erfahren immer wieder, dass unser Erfolg diesen Einsatz rechtfertigt.

Im Juni 2005 war ein junger Iraker zu Besuch in Wien. Am zweiten Tag seines Aufenthaltes sagte er mir, er hätte den Eindruck, er wäre von der Hölle in das Paradies gekommen. Die meisten Iraker träumen davon, ihr Land zu verlassen, um endlich ausruhen zu können, um endlich ein friedliches Leben führen zu können. Von einem Freund in Bagdad hörte ich, dass innerhalb eines Monats neun Familien, die in seiner Gasse wohnten, das Land verlassen hätten. Das ist verständlich angesichts der jüngsten Geschichte dieses Landes. Die meisten aber können nicht weggehen. In den letzten fünfzig Jahren – ein kurzes Menschenleben lang - wurde dieses Land erschüttert durch Revolutionen, Sturz der Monarchie, Staatsstreiche, Diktatur, Polizeistaat, mehrere brutale Kriege und Sanktionen, Besatzung und Anarchie. Während dieser fünfzig Jahre durften wir hier in Europa in Frieden und Sicherheit leben, in einem „Paradies“, wie es die Iraker sehen.

Die krebskranken Kinder, die wir unterstützen, denen wir eine Chance auf ihr Leben geben, können nichts für das politische Chaos in ihrem Land. Sie waren früher hilflose Opfer und sie sind es jetzt. Ohne unser aller Hilfe gäbe es viele Kinder in Basra nicht mehr. Im Februar/März 2006 müssen wir wieder eine große Medikamentenlieferung nach Basra bringen, noch sind diese Kinder einzig und allein auf unsere Hilfe angewiesen, sie brauchen UNS! Wenn wir nicht helfen, werden sie sterben. Diese Hilfe wird wieder Geld kosten, viel Geld, ca. Euro 90.000,-. Aber ich bin davon überzeugt: mit Ihrer Hilfe werden wir es schaffen, auch den nächsten Hilfstransport zu finanzieren.

http://www.saar.at/aladin

 

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