Startseite arrow Studierende arrow Erfahrungsberichte - StEP arrow Mexiko 2009


IPPNW Österreich (OMEGA)

International Physicians for the Prevention of Nuclear War - Austria

 
Mexiko 2009 Drucken
Saturday, 19. December 2009
Mexiko - 2009

von Schöffmann Sylvia

Den Entschluss meinen letzten Sommer vor dem Einstieg ins Berufsleben nicht in der Heimat zu verbringen, hatte ich schon etwas länger zuvor gefällt. Für mich bot sich diese Zeit nach dem Studium als eine gute Gelegenheit, meinen langjährigen Wunsch mich in Lateinamerika sozial zu engagieren endlich zu erfüllen. Bei der Suche nach einem geeigneten Projekt entdeckte ich schließlich das Student Exchange Programm (StEP) auf der Homepage der AMSA. Die Idee Famulatur und Sozialprojekt zu kombinieren und dadurch auch soziale, politische und ökologische Bedingungen des Gastlandes besser kennenzulernen, hat mich sofort überzeugt.

Bei einem ersten StEP-Treffen in Wien mit dem frisch gebackenen StEP-Team der AMSA Wien, weiteren StEP-Interessenten und 2 Mitgliedern der IPPNW Österreich, wurde mir das Sozialprojekt in meinem Wunschland näher vorgestellt. Von den Kreativschulen in Mexiko war ich sofort begeistert. Genau so etwas hatte ich immer gesucht. Die Arbeit mit Kindern, mit sozial schwächeren Familien, abseits von dem uns gewohntem Zivilisationsleben.

Image 

Bezüglich der Famulatur wurde mir Guadalajara vorgeschlagen und bald nach dem Treffen ein Fixplatz für ein Monat zugesichert. Das Sozialprojekt betreffend bekam ich eine Kontaktadresse von einer Medizinstudentin in Graz, welche schon beim Projekt Kreativschulen mitgearbeitet hatte. Jedoch unabhängig von StEP –welches in Österreich erst im Jahr 2008 auf die Beine gestellt wurde. Bald nach dem Treffen verabredete ich mich mit der Studentin in Graz. Begeistert erzählte sie mir von ihren zahlreichen Erfahrungen während der Arbeit in den Kreativschulen. Zusätzlich gab sie mir einige hilfreiche Tipps und Ratschläge für meinen bevorstehenden Aufenthalt.

Image 

Nun lag es an mir den Kontakt mit der Kreativschule herzustellen. Über eine Homepage meiner Kontakterin aus Graz konnte ich mich für einen Praktikumsplatz bewerben, welcher mir erfreulicher Weise auch bald zugesichert wurde. Da es sich bei diesem Sozialprojekt um eine kreative Arbeit mit Kindern handelt, sollte ich mich im Vorhinein bereits dementsprechend vorbereiten –sprich Ideen und Material sammeln, Spiele ausdenken, falten, basteln, malen... Ebenso wurde ich auf eine sehr einfache Lebensweise hingewiesen, entfernt von jeglichem „Luxus“ wie wir es hier in Europa gewohnt sind. Doch dies ließ mich nicht zurückschrecken, ganz im Gegenteil...

Viel Aufmerksamkeit sollte ich auch der Sprache widmen. Es ist unbedingt notwendig Spanisch zu sprechen. Die Menschen dort kommen aus sehr einfachen Verhältnissen. Ohne Spanisch könnte es in dieser Region schwierig werden und vor allem zum eigenen Nachteil.

Image

Famulatur:

Da ich Mexiko bereits im Vorjahr bereist und auch in Morelia famuliert hatte, wusste ich bereits in Großem und Ganzem was mich erwarten wird. Mir wurde ein „host“ zugeteilt als Kontaktperson. Dieser informierte mich im Vorhinein über alles was ich wissen sollte und wollte. So brachte ich meine eigene OP-Bekleidung, weißen Mantel und Hose, Stethoskop. Durch meine letzte Famulatur in Mexiko war ich mit den hygienischen Bedingungen im Gastland bereits vertraut. Anders als bei uns, sind in den Krankenhäusern nicht alle paar Meter ein Händespender mit Desinfektionsmittel aufzufinden. Im vergangenen Jahr konnte ich nur einen Desinfektionsmittelspender pro Etage bzw. Station finden, und das in einem privatem, modernen, etwa unserem Standard entsprechendem Krankenhaus.

In Guadalajara wurde mir das öffentliche Krankenhaus „Hospital Civil Fray Antonio Alcalde“ zugeteilt, ein Lehrkrankenhaus der örtlichen medizinischen Universität. Mein Host „Edwin“ und auch einige weitere Medizinstudenten der IFMSA waren in diesem Krankenhaus tätig. Das Krankenhaus ist ein sehr alter Bau was sich an allen Ecken deutlich zeigt. Es gibt, mit ausgenommen der Intensivstation, keine Patientenzimmer, sondern ganze Säle, in denen sich ein Bett nach dem anderem reiht. Alles ist ziemlich alt, Betten, Stühle, Tische, Lampen, Toiletten, Bäder, Rollstühle,...solch eine Ausstattung kennt man bei uns wohl nur aus alten Kriegsfilmen...

Daneben habe ich allerdings auch einen sehr modernen Gebäudeteil kennengelernt. Die Gynäkologie wurde erst vor kurzem neu erbaut und verfügt über ein modernes Equipment das unserem Standard entspricht. Ich hatte mir das Fachgebiet Traumatologie ausgesucht. Am ersten Tag wurde ich schließlich früh morgens zu meinem Team gebracht. Anfangs herrschte, wie erwartet, Chaos. Irgendwie wusste niemand wer ich bin, was ich hier tue und wer für mich zuständig war. So stellte ich mich an diesem Tag ungefähr 66-mal vor bis ich ein Team gefunden hatte das mich aufnahm und mich von nun an täglich überall hin mitschleppte. Es waren die beiden Assistenzärzte Doctora Angela und Doctor Moi, daneben noch ein paar Internos, die in etwa dem Niveau unserer Turnusärzte entsprechen, jedoch um einiges jünger sind.

Image 

Zu Beginn hetzte ich also jeden Tag meinem Team hinter her. Bei den Visiten kam ich mir zuerst etwas hilflos vor. Mit den vielen Internos dränge sich eine ganze Menschentraube um ein Bett. Einer stellte den Patienten vor, der Assistenzarzt oder Oberarzt hörte mehr oder weniger aufmerksam zu und die anderen plauderten untereinander. Ich verstand anfangs nur sehr wenig und mein Spanisch war noch nicht entsprechen aufgewärmt. Mit der Zeit verbesserte ich mich sprachlich bald, verstand mehr und mehr und konnte mich auch endlich etwas einbringen. Nach den Visiten ging es entweder in den OP-Saal oder zu den „Consultas“, Ambulanz. Bei den Consultas war für mich eher weniger zu tun, aber dafür genug Gelegenheit mein Spanisch zu verbessern, vor allem medizinisch. Es handelte sich Großteils um Kontrollen, Wechseln von Verbänden oder Festlegen von Operationsterminen. Wir inspizierten zahlreiche Röntgenbilder die sehr oft von sehr schlechter Qualität waren. Für Akutfälle gab es eine eigene Ambulanz. Bei den Operationen war in den meisten Fällen der Oberarzt anwesend als Hauptoperateur. Kleinere Operationen wurden jedoch von den Assistenzärzten alleine durchgeführt. Ich durfte eigentlich immer assistieren was bedeutete dass ich wirklich sehr gut eingebunden wurde in den Operationsvorgang. Für mich waren die Operationen immer am interessantesten da mir auch sehr viel erklärt wurde und ich auch selbst Hand anlegen durfte.

Da die Sozialversicherung in Mexiko nur relativ wenige (bis gar keine)Leistungen abdeckt, müssen Operationsmaterialen wie Schrauben, Nägel, Platten o.Ä. aus der eigenen Tasche bezahlt werden. Oft erlebte ich wie die Patienten das notwendige Geld nicht rechtzeitig aufbringen konnten und dies schließlich den Operationsplan durcheinander kommen ließ; Operationen fielen aus bzw. wurden verschoben.

Dadurch dass auch weitere IFMSA Studenten zur gleichen Zeit famulierten, hatte ich bereits viele Bekanntschaften geschlossen und verbrachte deshalb auch immer wieder mal einen Tag auf einer anderen Station, was überhaupt kein Problem darstellte. Dabei war ich aber sehr froh dass ich Spanisch gelernt hatte da ich mich so etwas unabhängiger, als manch andere, im Krankenhaus bewegen konnte.

Wie auch im Jahr davor hat mir die Famulatur wieder sehr gut gefallen. Vor allem der Umgang unter den Ärzten und zwischen den Ärzten und dem übrigen Krankenhauspersonal, egal ob Student, Krankenschwester oder Putzfrau, ist mir positiv aufgefallen. Ein lockeres, lebensfrohes Auftreten der Menschen in diesem Land lässt ein Hierarchiverhalten kaum zu Tage kommen. Alle werden mit dem notwendigen Respekt behandelt, der ihnen zusteht.


Sozialprojekt:

Die Kreativschulen befinden sich in drei verschiedenen Dörfern im Bundesstaat Guerrero, südlich von Mexiko Stadt. Über die Anreiseinformationen hatte mir Sylvia, die Leiterin des Projekts, ebenfalls Österreicherin, bereits vor meiner Abreise nach Mexiko berichtet. Noch in Erinnerungen an das vergangene Monat schwelgend, ging meine Reise sehr zeitig von Mexiko Stadt los. Zuerst nach Acapulco, 5 Stunden Busfahrt und schließlich in die Sierra Madre del Sur hinauf nach Atoyac de Álvarez. Ich hatte nur wenig Vorstellung was mich dort bald erwarten würde, doch der Anblick und die einfache Ausstattung des Busses sowie die zusteigenden Passagiere ließen mich vermuten, dass Atoyac wohl weit weg von jeglichem Tourismus und gewohntem Luxus sein musste. Dort angekommen wurde ich nach einer kurzen und heißen Wartezeit von Sylvia empfangen, begleitet von einem mexikanischen Pärchen aus dem Dorf San Martin de las Flores. Obwohl Sylvia auch Österreicherin ist unterhielten wir uns aus Höflichkeitsgründen auf Spanisch und so wurden auch Annährungsschwierigkeiten mit dem mexikanischen Pärchen aus dem Weg geräumt. Im Dorf San Martin angekommen, lernte ich zu meiner Überraschung meine zukünftige Arbeitskollegin Christiane kennen, ebenfalls Österreicherin. Ebenso wurde mir der Rest der Familie des mexikanischen Pärchens vorgestellt. Diese Familie war quasi für unsere Betreuung zuständig, stets bereit für offene Fragen sowie für Mittag- und Abendessen sorgend...

Jeweils eine Kreativschule wurde in den Dörfern San Martin de las Flores, San Vicente de Jesus und Los Llanos erbaut, verstreut in der Sierra madre del sur. Jede Kreativschule wird von einer benachbarten Familie in Stand gehalten. Diese Familien sind auch gleichzeitig Ansprechpartner für die Praktikanten und sorgen gegen einen kleinen finanziellen Beitrag für Kost und gegebenenfalls auch Logie.

Während dem Monat in der Sierra bin ich gemeinsam mit meiner Kollegin Christiane zwischen den Dörfern hin und her gependelt. Weil es uns in San Vicente so gut gefiel sind wir dort etwas länger geblieben. Wochenends öffneten wir die Türen der Kreativschule in los Llanos. Die Idee der Kreativschule ist es, den Kindern kreatives Arbeiten beizubringen bzw. sie in ihrer Kreativität zu schulen. Wie auch in anderen Ländern Lateinamerikas besteht eine immer stärker zunehmende Land-Stadt-Flucht auch in Mexiko. Der kreative Unterricht soll das Heimatbewusstsein der Dorfkinder stärken und ein Abwandern in die Städte mit Hoffnung auf ein besseres Leben, verhindern. Sollte es doch zu einem Abwandern in die Stadt kommen sollten die erlernten kreativen Fertigkeiten die Kinder davor bewahren sich selbst zu verkaufen, mit Drogen zu dealen oder andere kriminelle Tätigkeiten auszuüben um sich finanziell über Wasser zu halten.

Unser Alltag bestand darin, uns auf den nachmittäglichen Unterricht vorzubereiten, die Nachbarschaft bzw. Dorfbewohner und ihre Lebensweise kennen zu lernen. Nachmittags führten wir

Image

kreativen Unterricht, wobei wir mit viel Eifer bastelten, spielten, malten oder musizierten. Die Kinder arbeiten sehr aktiv mit, sind sehr offen für jegliche kreativen Tätigkeiten und äußerst begeisterungsfähig. Während meines gesamten Aufenthalts in der Sierra del madre war ich wiederum sehr froh darüber mich in der Landessprache unterhalten zu können. Ich denke dass dies wesentlich dazu beiträgt ein Land mit seiner Kultur und den Menschen intensiv kennen zu lernen.

Politischer Hintergrund:

In meiner Zeit in der Sierra hatten wir oft Gelegenheit uns mit den Leuten über das Leben heute wie damals zu unterhalten. Wir lernten viele alltägliche und vergangene Leidensgeschichten kennen und erfuhren dabei dass einige Familien einen oder mehrere ihrer Angehörigen seit Jahren vermissen – „desaparecidos“ (dt.: Verschwundene).

Während der 70iger Jahre herrschte in Mexiko ein Guerrillakrieg. In den Bergen von Guerrero war die „Partido de los Pobres“, Partei der Armen aktiv. Geführt wurde diese Bauernguerilla von Lucio Cabañas, der noch heute als Held dieser Region gefeiert wird. Die partido de los pobres bestand aus mehr als hundert bewaffneten campesinos (Bauern) die mit der Regierungsarmee im ständigen Kampf standen. In den Bergen Guerreros konnte sich die Guerilla mit Hilfe der Einheimischen oft tagelang vor den Regierungstruppen verstecken. Doch dies wurde den Bewohnern zum Verhängnis. Oft wurden die Dörfer in der Sierra von der Regierungsarmee überfallen, Frauen vergewaltigt und diejenigen, hauptsächlich Männer, die angeblichen Kontakt zur partido de los pobres pflegten wurden mitgenommen. Es wird von schweren Folterungen und Misshandlungen erzählt wodurch sich die Regierungsmitglieder Informationen über die Guerilla erhofften. Viele kehrten nie wieder zu ihren Familien zurück....

Noch heute zählt Guerrero neben Chiapas zu den konfliktreichsten Regionen Mexikos.


Fazit:

Die Erfahrungen die ich bei meinem Aufenthalt in Mexiko erleben durfte, sei es während meiner Famulatur oder vor allem die Arbeit in den Kreativschulen, empfinde ich als sehr wertvoll. Wertvoll für meine persönliche Entwicklung, aber auch für meinen Beruf. Vor allem im medizinischen Bereich verlangt ein Aufeinandertreffen mit verschiedenen kulturellen und sozialen Schichten ein entsprechendes Verhalten unsererseits. Außerdem wird das eigene Heimatbewusstsein gestärkt und man lernt zu schätzen an welch sicheren und schönen Fleck der Erde wir geboren wurden.

Kontakt, Informationen und Literatur: Email: Diese E-Mail Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen Javascript aktivieren, damit Sie es sehen können


Internet:

www.amsa.at

www.ippnw.at

www.kreativschule.net

www.mexiko-lexikon.de

www.mexiko-plattform.org


Literatur: Carlos Montemayor: „Krieg im Paradies“ Sylvia Karl: „...und mir war alles egal“

 

Newsflash

© 2022 IPPNW Österreich
Joomla! is Free Software released under the GNU/GPL License.
Template Design by funky-visions.de