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Nepal 2009 Drucken
Saturday, 19. December 2009

Nepal – Eine Reise ins Land der Götter

 

Als ich in Neu Delhi das Flughafengebäude verlasse, kann ich es nicht glauben. Meine erste Reise nach Asien, in einen fremden Kontinent und außerhalb der Grenzen Europas. Jetzt bin ich da und sehe das alltägliche Leben an meinen Augen vorüberziehen, das doch so anders ist als in all den Büchern, Bildern und Berichten. Es ist plötzlich zur Realität geworden, zu meiner Realität. Ja, ich beginne meine Reise nach Nepal mit einem kurzen Zwischenstopp in der Megacity. Der Taxifahrer, der mich in die Stadt bringt ist sichtlich über mein Erstaunen belustigt. Er erklärt mir, er mache schon seit zwanzig Jahren denselben Job. Immer in der Nacht, was auch von Vorteil sei, denn da gäbe es weniger Verkehr. Der Verkehr ist auch nur eines der vielen großen Rätsel dieser Stadt: Menschen die auf der Straße schlafen, arbeiten, wohnen, leben. Dreispurige Fahrbahnen werden zu fünfspurigen Highways; überall sind Kühe, Kamele und Kinder, die dazwischen im Abfall spielen – und dazu gesellt sich eine Hitze bei Tagestemperaturen um die 45°C Grad. Die Tage in dieser fremden Welt sind für mich wie eine Art Tor zu meinem eigentlichen Reiseziel... So befinde ich mich ein wenig später wieder in einem Flugzeug. In Nepal ist gerade Monsunzeit, davor wurde ich auch gewarnt. Nichts desto trotz, unser Flieger bahnt sich einigermaßen zielstrebig seinen Weg durch gewaltige, regenschwere Wolkenberge. Eine Stimme erklingt aus den Lautsprechern, dass wir uns auf dem Landeanflug nach Katmandu befinden. Ich bin von großer Vorfreude und auch Aufgeregtheit erfüllt. Leider bleibt mir die Sicht auf die Berge unter uns versperrt. Vor unseren Fenstern drängen sich weiße Wolken wie aus Watte. Die nächste Ansage ist jedoch weniger erfreulich: wir befinden uns auf dem Rückflug nach Neu Delhi, da wir wegen des heftigen Niederschlags doch nicht landen können. Ich versuche es positiv zu sehen und denke mir, dass man so doch den ganzen Tag über mit Essen versorgt wird. Und ich lerne gleich zu beginn zwei immanent wichtige Dinge über Nepal (kennen): Pläne ändern sich ständig und die Herzen dieser Menschen sind groß – ich schließe meine erste nepalesische Freundschaft zwischen Warteraum und Fluggate. Beim zweiten Anlauf klappt es dann auch und ich kann sogar einen Blick auf das nepalesische Bergland erhaschen.

Am Flughafen angekommen, werde ich von meinem jüngeren Gastbruder Suman in Empfang genommen und er bringt mich zu meinem neuen „Zuhause“. Erneut lerne ich die außergewöhnliche Gastfreundschaft der nepalesischen Menschen kennen und fühle mich an diesem Ort sofort wohl. Es ist ein richtiges Ankommen und nach der abenteuerreichen Zeit in Indien, bin ich froh an diesem friedvollen Ort zu sein.

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In Nepal, bei der Abschaffung der Monarchie 2008 das letzte Hindu-Königreich der Welt, nimmt die Religion noch immer eine zentrale Stellung ein. In der Welt des Hinduismus sind die Götter Shiva, der Weltzerstörer, und Vishnu, die sanfte und bewahrende Gottheit, in ständigem Kampf miteinander. Ein Kampf, der sich auf subtile Weise in Gesellschaft und Politik wiederzuspiegeln scheint. Ungefähr 80% der Bevölkerung sind Hindus. Die restlichen Anteile stellen Buddhisten und Moslems. Es gibt auch eine christliche Minderheit. Auf alle Fälle bestimmt die Religion den Alltag und wird offen ausgeübt. Sämtliche Feste und Rituale folgen strengen religiösen Vorschriften.

Ich wohne im buddhistischen Stadtteil namens Baudhha. Mein Gastvater spricht gutes Englisch und ist interessiert von mir zu erfahren, wo die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen seinem Heimatland und Österreich liegen. Er sagt mir auch, dass vor hundert Jahren – während man in Europa einem neuen Zeitalter entgegenging – in Nepal Tempel gebaut und Götter geehrt wurden. Katmandu, das Tal der Götter also. Am abend koste ich das erste Mal Dhal-Baat, das Nationalgericht bestehend aus Linsen, Reis und Gemüse. Ich verzichte auf den Löffel und esse, so wie es hier üblich ist und zur großen Belustigung aller, mit meinen Fingern.

Am nächsten Tag geht’s auf zum Krankenhaus. Die Müllabfuhr streikt. Mit dem Motorrad durch die Stadt und den Regen – Stau, Tempel, Menschen, Tiere, Abfall rasen an uns vorbei. Ich bin im Katmandu Model Hospital für mein Praktikum im August untergebracht. Ein Public Health Krankenhaus, das 1993 von einer NGO namens phect (public health concern trust)-NEPAL gegründet wurde und die sich „empowerment of people through health action“ zum Ziel gesetzt hatte. Der Direktor des Spitals, Prof Dr. Mathura Pd. Shrestra ist auch Mitgründer und Präsident der PSR (physicians with social responsibility) für Nepal, also einer Untergruppe der IPPNW. Er, seine Familie und einige seiner Mitstreiter wurden im Jahre 2005 bei neuerlichen Unruhen verfolgt und auch für einige Zeit inhaftiert. Das ist heute eine der Geschichten, die mir von einem jungen Arzt über die Revolution erzählt wird. Seit gut einem Jahr ist Nepal eine parlamentarische Republik.

Mein Tag auf der Gynäkologie beginnt mit einer Abtreibung, obwohl ich eigentlich mit dem Vorsatz gekommen bin, neues Leben und meine erste Geburt zu sehen. Vieles ist anders. Vieles kommt unerwartet. Die Krankenzimmer sind groß, meist werden sie von zwanzig Menschen geteilt. Ab Mittag kommen die Familienmitglieder, die für ihre Patienten das Essen kochen, ihre Wäsche waschen und auch manchmal die Pflege erledigen. Bei dem Anblick könnte man manchmal schon vergessen, sich in einem Krankenhaus zu befinden.

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Der Tag für das Krankenhauspersonal beginnt mit der Morgenkonferenz. Was mich so fasziniert hat war, dass es eine gesunde Diskussionskultur gibt und jede/r es schafft, den anderen zuzuhören. Selbst wenn man mit einer Meinung nicht konform geht, irgendjemand kann immer einen Scherz machen und die Sache mit Humor nehmen. So werden alle Anwesenden mit einem Lächeln in den Tag geschickt...

Nach der Morgenvisite geht’s direkt ins OT (operation theater) und am Nachmittag in die Ambulanz. Obwohl es kein reines governmantal hospital ist, werden hier auch PatientInnen behandelt, die kein oder kaum Geld haben. Deshalb versucht das Spital so gut wie möglich finanzielle Unterstützung anzubieten bzw. mit recht erfinderischen Mitteln auszuhelfen. So wird auch der Plastikbeutel einer Blutkonserve dafür verwendet, eine große Bauchwunde zu verschließen. Oder etwa bei einer Behandlung einer nicht heilenden Sectio-Wunde wird gegen die Pseudomonas-Infektion, anstelle von teueren Medikamenten, Essig und Honig verwendet. Leider ist es mit der Hygiene bei Operationen und auch im alltäglichen Spitalsalltag nicht so weit her, wodurch ich auch ungewöhnlich viele Wundinfektionen gesehen habe, die oft vermeidbar gewesen wären.

Die Tage können oft ziemlich anstrengend sein, vor allem wenn man mit so viel Neuem konfrontiert ist. Besonders die Sprache... Deshalb war die Mittagspause in der Kantine immer da um Kraft zu schöpfen. Dort traf man sich und plauderte bei Momos oder Dhal-Baat über den Tag. Und dort lernte ich auch Katharina kennen, die aus Deutschland kommt und bei demselben Projekt mitmachte wie ich. Wir wurden ziemlich schnell zu ziemlich guten Weg- Gefährtinnen und genossen unseren muttersprachlichen Austausch über sehr oft sehr fremde und unbegreifliche Dinge aller Art.

Mit ihr verbrachte ich auch eine Woche im Gauri Shankar General Hospital in Dolakha, das fünf Busstunden von Katmandu entfernt liegt und als einziges Krankenhaus in dieser weitläufigen Region basischirurgische Versorgung anbietet. Hier vergeht die Zeit anders. Viele Stunden manchmal auch Tage gibt es keine funktionierende Stromversorgung. Der Notfallgenerator (den es seit ein paar Jahren gibt und der durch Spendengelder finanziert wurde) läuft dann ständig. Telefon und Internet gibt es ebenfalls nicht durchgehend. Somit wird die Diagnostik erschwert: es gibt ein Röntgen- wie ein Ultraschallgerät und nötiges Equipment für eine Blutanalyse. Wenn aber kein Strom vorhanden ist, dann bleiben nur der Patient und der behandelnde Arzt... Im 15 Betten großen Krankenhaus wurden wir freudig von dem noch sehr jungen Team aufgenommen und genossen für eine Woche lang ein Teil davon zu sein – fernab vom manchmal schon recht hektischen und chaotischen Katmandu. Inmitten der schönsten Bergketten lernten wir die Probleme und Schwierigkeiten wie auch die

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Grenzen medizinischer Behandlung kennen. Viele PatientInnen können sich es nicht leisten. Viele wollen es sich auch gar nicht leisten im dortigen KH behandelt zu werden – sei es wegen dem Misstrauen ÄrztInnen gegenüber, das durch schlechte Mundpropaganda verbreitet wird. Leider herrscht dort, vor allem dort, ein großer Ärztemangel. Viele JungmedizinerInnen suchen ihre Jobchancen eher im fernen Ausland (wie Australien oder England). Gerade in Orten wie Dolakha würden aber junge, engagierte ÄrztInnen dringend gebraucht werden... Zurück in Katmandu verbrachte ich die restliche Zeit auf der Nachbarstation, der Kinderchirurgie, und kam dort zu einem sehr netten und auch sehr engagierten Doktor, der mir viel über sein Leben und das Leben in Nepal erzählte. Weiters durfte ich ihm, weil ich die einzige Studentin war, auch bei sämtlichen kleinen Eingriffen und Operationen zur Hand gehen... Ich habe viel von ihm gelernt.

Nun sollte der zweite Teil des Projekts anbrechen. Eben erst von einer Trekkingtour zurückgekommen bekommen Katharina und ich die Chance, bei einem „health camp“ mitzumachen, und so brechen wir uns kurzfristig und schnell entschlossen ins Terai nach Meghauli auf. War es doch für mich schon lange ein großer Wunsch bei einem solchen Projekt dabei zu sein. Per Bus (Busreisen sind ja immer ein wortwörtlicher Höhepunkt in Nepal) schaffen wir es in einem Tag und kommen am abend in Meghauli an, wo wir vom V orstand der Clinic Nepal begrüßt werden. Ursprünglich basiert diese Einrichtung, wie viele andere Kindergärten und Waisenhäuser in der Umgebung, auf der Verwirklichung eines Traums durch Hari Bhandary, ein Nepali mit großem Durchhaltevermögen und voller Energie. Seit 1997 werden dort den Menschen in der Umgebung von einem kleinen Stützpunkt aus medizinische Hilfe angeboten, beim Bau vieler Brunnen mitgeholfen und andere soziale Projekte verwirklicht. Unter anderem finden ungefähr vier Mal pro Jahr sog. health camps statt, wo nationale wie auch internationale Ärzte mit einem Team in noch entlegene Gebiete Nepals vordringen und die Menschen dort mit dem Notwendigsten zu versorgen. Nun, wir haben „Glück“. Am nächsten Tag geht’s weiter: zunächst mit Motorbike und dann mit dem Büffelkarren (sprich buffalo taxi), mit dem wir einen kleineren Fluss überqueren. Ja, und somit beginnt eine wunderbare, intensive aber auch sehr anstrengende Zeit. Wir fahren

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mitsamt unseres Equipments und unserer Wanderapotheke von einem Dorf zum nächsten, um dann in Schulen haltzumachen und vor Ort unsere kleine medizinische Hilfsstation aufzubauen. Natürlich ohne elektrischen Strom und ohne fließendes Wasser. Immerhin befinden wir uns mitten im Terai, wo der Volksstamm der Tharu zuhause ist – an der Grenze zu Indien und in direkter Nähe zum Dschungel. Wer hier neben seinem aus Lehm gefertigten Haus noch eine Ziege oder gar einen Büffel besitzt, darf sich schon reich nennen.

Danach verbringe ich noch einige Zeit in einem Waisenhaus, das auch von Hari Bhandary gegründet wurde. Hier fiel der Abschied von den Kindern besonders schwer... Aber mein Weg führt mich weiter nach Lumbini, dem Geburtsort Buddhas. Dort findet ebenfalls gerade ein „free dental and medical health camp“ statt und so beschließe ich, etwas länger zu bleiben. Wieder in Katmandu angekommen, bleibe ich noch einige Zeit bei CWIN (child workers in Nepal concerned center). Jedoch ist mittlerweile schon Ende September, und es findet zur gleichen Zeit das größte hinduistische, sog. Dashain Fest statt, womit in Katmandu ziemliche Ausnahmestimmung herrscht: es wird gemeinsam in der Familie und mit Freunden gesungen, getanzt, Karten gespielt und gegessen... Ich genieße die letzten Tage, besuche nochmals meine Lieblingsplätze und kaufe am Markt ein. Die Frau, die mir Gewürze verkauft, und mit der ich mich ein bisschen auf Nepali unterhalte, lädt mich unerwartet zu sich ein. Es ist der Vortag meiner Abreise. Ihre Kinder und ich lassen Drachen steigen und tanzen auf dem Hausdach – die Stadt Katmandu liegt vor uns ausgebreitet.

Eine lange und zugleich kurze Zeit geht zu Ende. Ich kehre reich voller Erfahrungen, Eindrücke und Erlebnisse nach Wien zurück. Auch traurig. Wer vielleicht Lust auf mehr bekommen hat, dem/der kann ich nur raten: selber hinfahren... oder wieder hinfahren!

 

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