Atomtest in Nordkorea
Monday, 9. October 2006

Stellungnahme der IPPNW zum Atomtest der Demokratischen Volksrepublik Nordkorea 

„Ein riesiger Rückschritt“

Die beiden Co-Präsidenten der IPPNW Gunnar Westberg und Ime John gaben diese Stellungnahme im Namen des Vorstands von IPPNW am 9. Oktober 2006 ab, einen Tag nachdem die Demokratische Volksrepublik Korea (DPRK) die erfolgreiche Durchführung eines Atomtests bekanntgegeben hatte.

Gunnar Westberg und Ime John, Co-Präsidenten der IPPNW
Gunnar Westberg und Ime John, Co-Präsidenten der IPPNW
Die Testzündung einer Atomwaffe, die heute von der Demokratischen Volksrepublik Korea bekannt gegeben wurde, war eine verantwortungslose und gefährliche Handlung, die nur als ein riesiger Rückschritt für das nordkoreanische Volk und ganz Nordasien beurteilt werden kann. Die Regierung von Kim Jong Il hat dadurch die Stabilität in der Region untergraben und die Sicherheit und das Wohlbefinden ihres eigenen Volkes aufs Spiel gesetzt, das nun unter den Auswirkungen einer empörten und verängstigten internationalen Gemeinschaft leiden könnte.

Gleichzeitig haben es die anderen Atommächte verabsäumt, ihrem vor Jahrzehnten abgegebenen Versprechen nachzukommen, die eigenen Waffenarsenale zu vernichten. Hätten sie das bereits getan, so hätte, sind wir überzeugt, die Demokratische Volksrepublik Nordkorea keinen Nutzen in Atomwaffen gesehen, und die Aussicht auf einen Iran im Besitz von Atomwaffen würde nicht weltweit Angst auslösen. Die Atommächte haben sich als Mitglieder des Atomwaffensperrvertrages (engl. Abk. NPT) dazu verpflichtet, alle ihre Atomwaffen zu beseitigen. Sie haben jedoch unter dem Vorwand, dass sie die Waffen für ihre Verteidigung benötigten, ihr Versprechen gebrochen. Während des Korea-Krieges zogen die USA die Verwendung von Atomwaffen in Betracht und drohten wiederholt damit, sie im Kampf gegen die Demokratische Volksrepublik Korea einzusetzen. Länder wie die Demokratische Volksrepublik Korea und der Iran, die oft von den USA bedroht wurden, könnten sich über diese Doppelmoral verständlicherweise ärgern und sich dieselben Kapazitäten nuklearer Abschreckung wünschen, wie sie die USA für sich beanspruchen. Der Schutz, den Nuklearwaffen uns gewähren, ist jedoch illusorisch, unabhängig davon, wer sie besitzt. Sollte Nordkorea Langstreckenraketen entwickeln und testen, in Verbindung mit nuklearen Sprengköpfen, die auf diesen Raketen transportiert werden könnten, so würde dadurch das Risiko eines Angriffs durch die USA und ihre Verbündeten noch verschärft. Atomwaffen bringen Krieg, nicht Sicherheit.

Ärzte und Medizinstudenten von IPPNW haben Pyongyang einige Male besucht - zum letzten Mal im August 2005 – und haben sich bemüht, die Kontakte zu koreanischen Ärzten zu verbessern, um die Ausbildung im Gesundheitsbereich sowie eine bessere medizinische Versorgung zu fördern und Kommunikationskanäle für Frieden und Sicherheit in der Region zu öffnen.

Für diesen unverzeihlichen Atomtest wurden Ressourcen verschwendet, die das koreanische Volk für Essen, Wohnen und Gesundheitsvorsorge bitter nötig hätte. Außerdem hat es unnötig die Nachbarländer und den Rest der Welt provoziert, was wahrscheinlich dazu führen wird, dass die Demokratische Volksrepublik Korea in den nächsten Monaten sogar noch stärker isoliert wird. Wo sich IPPNW und seine Partner für eine atomwaffenfreie Zone Nordasien eingesetzt haben, sehen wir uns nun mit der Aussicht auf einen regionalen Atomwettstreit konfrontiert.

Vorrangiges Ziel der Internationalen Gemeinschaft muss es nun sein, den Ländern in der Region zu helfen, sich vom nuklearen Abgrund zu entfernen. Wir mahnen alle Parteien zur Zurückhaltung. Unter keinen Umständen sollte ein vorbeugender Angriff oder ein Präventivschlag in Betracht gezogen werden. Friede und dauerhafte Sicherheit in Nordasien sind davon abhängig, dass jeder, der etwas mit der Region zu tun hat, jegliche, ihm zur Verfügung stehende diplomatische Mittel einsetzt, um diese Krise zu entschärfen und eine Einigung zu erzielen.

Der Atomtest der Demokratischen Volksrepublik Korea muss als ein Wachrütteln der anderen Atommächte betrachtet werden, die das Aushandeln eines Atomwaffenvertrags, der die Welt von diesen Waffen des Völkermordes befreien soll, nicht länger vermeiden dürfen. Der Internationale Gerichtshof hat einstimmig erklärt, dass sie nach dem Völkerrecht dazu verpflichtet wären, das zu tun.

Ein Atomkrieg, ob er auf die koreanische Halbinsel beschränkt bleibt oder sich nach Nordasien oder noch weiter ausbreitet, wäre eine Katastrophe von beinahe unvorstellbarem Ausmaß und könnte weite Teile der Bevölkerung ausrotten und das Leben der kommenden Generationen zerstören. Weder den Drahtziehern eines solchen Krieges wird man verzeihen, noch denen, die die Katastrophe verhindern hätten können, es aber nicht einmal versucht haben.

Übersetzung der offiziellen Stellungnahme (engl)

 


weitere Informationen: http://www.ippnw.de/Atomwaffen/Atomwaffenpolitik/Nordkorea/