Zambia 2009 (2)
Tuesday, 29. December 2009

Sambia 2009

Erfahrungsbericht von Johannes Prechtl  

 


Ein bisschen gestrandet fühle ich mich, aber keineswegs verloren. Anfang Juli steige ich in Lusaka, der Hauptstadt Sambias, aus dem Flugzeug und kann trotz Vorbereitungen noch nicht genau erahnen was mich in den nächsten zwei Monaten erwarten würde. Eines wird mir dabei aber schlagartig klar: jetzt bin ich wirklich und endgültig in Afrika. Das gelassene Chaos das hier überall herrscht, gepaart mit offensichtlicher Armut und Andersartigkeit umschließen mich sofort.

Eine Taxifahrt später in meiner Herberge angekommen eröffnete mir Robert, mein lokaler Betreuer, dass ich vorerst mal Zeit haben werde Lusaka und das Leben hier ein bisschen kennen zu lernen. Denn die folgenden vier Tage waren Feiertage und so musste der Beginn meiner geplanten Famulatur im hiesigen Universitätskrankenhaus (UTH) etwas aufgeschoben werden. Ich fasste mir also ein Herz und erkundete auf meinen Beinen und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln die folgenden vier Tage lang diese Stadt, die mir noch so fremd erschien. Durch meinen Sambia-Reiseführer und einige freundlich gesinnte Stimmen wurde ich im Vorhinein zur Vorsicht ermahnt sich als Weißer alleine durch die Stadt zu bewegen sei nicht ganz ungefährlich. Aber ich kam zu einem anderen Schluss. Am Ende des vierten Tages hatte ich einen Gutteil der Stadt mit dem Bus befahren und schlenderte schließlich selbstbewusst im Halbdunklen vom Einkauf am Markt nach Hause. Zwar wurde ich von vielen beobachtet und teilweise auch angesprochen wenn ich unterwegs war – aber Feindseligkeit begegnete mir nie. Weder in den ersten Tagen noch in der gesamten Zeit in der ich in diesem Land sein durfte. Es war im Gegenteil so, dass ich die allermeisten Leute als wirklich freundlich und entgegenkommend empfunden habe, egal ob im Krankenhaus oder auf der Straße. So kann es schon passieren, dass man beim Spazierengehen von einem Unbekannten angesprochen wird und man sich dann einfach für ein kurzes oder auch längeres Stück des Weges über dies und das unterhält.

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Dann ging’s endlich los! Den Beginn meiner Famulatur konnte ich kaum erwarten. Im Krankenhaus wurde ich nach Erledigung der Bürokratie einem Ärzteteam der Inneren Medizin zugeteilt. Mit dieser sogenannten „Unit“ die aus einem Consultant, zwei Senior Residents, zwei Residents und zwei bis drei Interns besteht sollte ich die nächsten 14 Tage zubringen. Den Großteil der Woche ist eine Unit dabei für den normalen Betrieb seiner eigenen Station zuständig und einmal in der Woche übernimmt sie den Nachtdienst in der Hauptambulanz. Das bedeutet dann 72 Stunden Dienst und kann mitunter sehr stressig sein. Das Dasein im Krankenhaus stellt sich dabei für einen Studenten im Universitätsspital (UTH) von Lusaka vom äußeren Ablauf eigentlich recht ähnlich dar wie in Österreich auch. Meine Aufgaben auf der Station und in der Ambulanz waren die Durchführung kleiner Eingriffe also Blutabnahmen, Aszitespunktionen und Lumbalpunktionen, aber vor allem das Mitgehen bei Visiten und ständiges Mitdenken. Was ich nämlich als sehr angenehm erlebt habe ist, dass man als Student in diesem Land einen anderen Status hat als in Österreich. Ein Student ist hier jemand dem man sich aktiv widmet um ihm etwas beizubringen. Nicht selten wird bei der Chefvisite eine viertel Stunde lang bei einem Patienten verblieben um den Studenten Krankheiten zu erklären beziehungsweise um sie darüber auszufragen. Die Tatsache, dass ich eher zu Ende des Semesters und knapp vor der Prüfungszeit auf der Inneren Medizin war hatte zur Folge, dass alle einheimischen Studenten schon relativ viel gelernt hatten und Ärzte eher selten eine Gelegenheit ausließen um sie auf das Examen vorzubereiten – was meist häufige Fragen bedeutete. In diese Ausbildung wurde ich dankenswerter Weise automatisch mit einbezogen. So wurde ich zu Krankheiten und Therapien befragt, die ich teilweise wenn überhaupt nur aus Büchern kannte. Gleichzeitig wurde man nicht müde mir Dinge zu erklären die ich nicht wusste. Als ich nach meiner Zeit auf der Inneren Medizin später für ebenfalls 14 Tage auf die Pädiatrie wechselte fand ich dort dieselbe erfrischende Lehrmentalität vor. Ebenso wie auf der Inneren waren dort die Aufgaben für Studenten im Prinzip gleich wie in Österreich verteilt nur mit dem Unterschied, dass man auch hier mehr Gelegenheit hatte invasive Eingriffe und andere praktische Fertigkeiten zu üben.

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Einige allgemeine Anmerkungen auch kritischer Natur zum Thema Famulatur möchte ich an dieser Stelle loswerden: Zuerst einmal ist es natürlich so, dass die finanziellen Verhältnisse des öffentlichen Gesundheitssystems in Sambia wesentlich schlechter sind als bei uns und daher auch öffentliche Spitäler mit dementsprechender Ressourcenknappheit kämpfen. An diagnostischen Maßnahamen ist ein großes Blutbild und eine Lumbalpunktion meist das höchste der Gefühle. Ein Röntgen oder gar ein CT (welches eine museumsreife Spende aus dem Westen ist) können sich viele Patienten nicht leisten. In Sambia ist zwar grundsätzlich

jeder erwerbstätige Krankenversichert und für die unzähligen in völliger Armut lebenden Patienten übernimmt der Staat die allernötigste Behandlung, aber jeder Patient muss für jeden Eingriff unmittelbar Selbstbehalt bezahlen - sei es eine Operation oder eine einfache Blutabnahme. Ebendiesen Selbstbehalt können sich viele nicht leisten. Es ist ein ungewohntes Gefühl wenn man seine Runde zur Blutabnahme durch die Station macht und praktisch gleichzeitig Rechnungen verteilt die dann nicht selten der Grund sind warum ein Eingriff verweigert wird.

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Wenn man auf der Inneren Medizin seinen Dienst versieht lernt man relativ schnell eines: machtlos Zusehen; wenn man in der Ambulanz ist dann nicht selten auch beim Sterben. Die Machtlosigkeit rührt zum einen teilweise aus den per se nicht vorhandenen medizinischen Möglichkeiten des Krankenhauses, zum anderen an den nicht vorhanden finanziellen Möglichkeiten der Patienten. Vor allem aber aus der nach meinem Eindruck etwas lockeren Arbeitsauffassung des Personals. Es ist ein Eindruck, den ich mit meinen ausländischen Kollegen dort teile sowie auch mit den Interns, die im Ausland studiert haben und danach in ihre Heimat zurückgekehrt sind. Die große Zahl an sterbenskranken Patienten jeden Tag über Jahre zusammen mit einer als schlecht empfundenen Bezahlung haben offenbar dazu geführt, dass das Stammpersonal der Inneren Medizin sich nach meinem Dafürhalten zu wenig Sorgen um seine eigenen Patienten macht und in schweren Fällen eigentlich zu langsam agiert. Ich sah vor allem in der Ambulanz mehr als einen Menschen nur deshalb leiden und auch sterben weil die vorhandenen Ärzte und Schwestern es verabsäumten in angemessener Zeit zu handeln oder regelmäßig nach den Patienten zu schauen. Das ist eine sehr harte Anklage, vor allem wenn sie aus der Feder eines europäischen Studenten kommt. Aber sie spiegelt nun mal meinen ehrlich empfundenen Eindruck wider den ich hier nicht verstecken möchte. Es ist dies eine Erfahrung für die ich sehr dankbar bin, denn sie hat mir gezeigt, dass es in der Medizin mehr auf das Da-Sein als auf vorhandene High-Tech-Medizin ankommt.

Durch eine zufällige Begegnung erhielt ich dankenswerter Weise die Möglichkeit am „Doctors Outreach Care“-Programm von Dr. Mathews, einem sehr engagierten Arzt von der Pädiatrie teilzunehmen. Es handelt sich dabei um eine kleine NGO die ihr Personal aus freiwilligen Ärzten, Schwestern und Studenten aus dem UTH rekrutiert. Mit einem gesponserten, recht gut ausgestatteten Ambulanzwagen fährt man ein- bis zweimal pro Woche in die Compounds um dort medizinische Basisversorgung zu betreiben. Für mich war es eine ganz tolle Erfahrung daran teil zu nehmen, ein bisschen zu wie die ärmeren der Armen leben und mich auch mit ihnen zu unterhalten. Denn neben Malaria-Schnelltests, Blutdruckmessen und Medikamente-verschreiben blieb dafür durchaus Zeit. Meist zu viert haben wir in ca. zwei Stunden an die 50 Patienten mit Alltagsbeschwerden untersucht und behandelt – also die Arbeit gemacht die bei uns ein Allgemeinmediziner übernehmen würde. Allgemeinmediziner für eine breite Bevölkerung in der Art und Weise wie wir es kennen gibt es in Sambia übrigens nicht. Um die Gesundheit der Leute kümmern sich vor allem außerhalb Lusakas für viele als erste Ansprechpartner die Schamanen (witch doctors). Erst wenn sie nicht mehr weiter wissen, was oft relativ spät der Fall ist, gehen die Leute in ein Krankenhaus eines größeren Ballungsraumes. Daneben gibt es noch kleinere Kliniken die großflächiger über das Land verteilt sind. Sofern sie nicht privat sind, verfügen sie jedoch nur über sehr einge- schränkte Behandlungsmöglichkeiten.

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Am Ende der ersten vier Wochen in Lusaka hatte ich etwas Erfahrung in Tropenmedizin gesammelt, viele tolle Leute getroffen und Erinnerungen gesammelt, die mir sicher noch lange bleiben werden. Als kleine Anmerkung zum Leben in dieser Stadt allgemein möchte ich noch hinzufügen, dass es äußerst empfehlenswert ist etwas am Nachtleben von Lusaka teilzunehmen. Die Interns mit denen ich am UTH Kontakt hatte waren zum Großteil sehr aufgeschlossen einem das Nachtleben und andere Dinge näher zu bringen. Denn wenn diese Stadt an Freizeitaktivitäten auch sonst nicht annähernd das zu bieten hat was man von europäischen Großstädten gewohnt ist, so verstehen die Leute dort dennoch sehr gut nach Sonnenuntergang zu feiern...

Zusammen mit meinem Betreuer beschloss ich also die mir verbleibende Zeit nach der Famulatur in zwei verschiedenen Waisenhäusern zu verbringen. Im „Kabwata Orphanage“ das in Lusaka selbst nicht unweit des Krankenhauses gelegen ist und im „Koinonia Mthunzi Centre“ welches sich ca. 1 1⁄2 Busstunden außerhalb des Zentrums von Lusaka befindet. Das „Kabwata Orphanage“ ist ein klassisches Waisenhaus in städtischem Setting das teils staatlich, teils über private Spenden erhalten wird. Es leben dort ca. 30 Kinder von sehr jung bis praktisch erwachsen. Um mich auch etwas nützlich zu machen half ich bei den Instandhaltungsarbeiten im und um das Haus. Am Programm stand hauptsächlich zusammen mit den Älteren den Garten komplett umzuackern ;-) da die Erde vom vielen Spielen der Kinder schon so zusammengedrückt war, dass stellenweise kein Gras mehr wuchs. Natürlich blieb auch genügend Zeit um mit den Jüngeren zu spielen und zu blöden, sich ihre Geschichten anzuhören und bei den Hausaufgaben zu helfen. Es war mir ein Anliegen mich in den normalen Tagesablauf zu integrieren, was mir auch nicht besonders schwer gefallen ist, denn wie sonst auch so oft wurde ich hier mit offenen Armen aufgenommen. Die intensivere Erfahrung war allerdings das Koinonia Mthunzi Centre. Es handelt sich dabei um eine von einem italienischen Geistlichen ins Leben gerufene Institution, die sich um

verwaiste Straßenjungen kümmert und dabei hauptsächlich von AMANI (einer ebenfalls italienischen NGO) finanziert wird. Aufgenommen werden Straßenjungs aus Lusaka in dem Bestreben ihnen in einer neuen Gemeinschaft (griech. Koinonia, Gemeinschaft) abseits der Straße ein neues Leben und eine schulische Ausbildung zu bieten. In die Schule gehen die Kinder dabei extern, das heißt in Internate die zum Großteil in größerer Entfernung zu Mthunzi liegen. In Mthunzi selbst sind die meisten von ihnen daher nur in den Ferien, einige wenige leben dort das ganze Jahr. Ich selbst hatte das Glück und die Gelegenheit in der Ferienzeit, also bei „Full-House“ (etwa 60 Jungs) dort zu sein, zusammen mit gut einem Dutzend Italienern von AMANI. Den Vormittag hab ich jedoch regemäßig in der angeschlossenen kleinen Klinik verbracht. Dort arbeitete ich zusammen mit einer Sekretärin und einer Ärztin. Es gibt eine Hausapotheke und weniger diagnostisches Equipment als in einer Praxis für Allgemeinmedizin in Österreich. Auch hier habe ich es sehr genossen ganz normale Medizin zu betreiben. Die Patienten rekrutierten sich naturgemäß aus der ländlichen Bevölkerung der näheren Region und treffen ziemlich gut das Bild des verarmten Afrikaners, das man vielleicht im Kopf hat. Umso mehr hat es mich interessiert und gefreut diesen Leuten näher zu kommen und, sofern sie etwas Englisch sprachen, mich mit ihnen zu unterhalten. Die positive Lebensauffassung die diese Menschen trotz ihrer sozialen Lage großteils haben finde ich sehr beeindruckend und gibt mir immer wieder zu denken. Nimmt man sich die Zeit und unternimmt eine Wanderung in der Umgebung des Mthunzi Centres fühlt man sich zwischen einfachen Behausungen und der zu dieser Jahreszeit halb ausgedörrten Vegetation auch tatsächlich mitten in Afrika. Man sollte allerdings auch damit rechnen, dass einen immer wieder eine Traube von neugierigen Kindern begleitet die sich freuen einen Weißen („Mzungu“) zu sehen.

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Den Großteil der Zeit verbrachte ich vor allem an den Nachmittagen im Centre selbst mit den Jungs. Der zu dieser Zeit stattfindende Besuch der Italiener ist ein Ereignis auf das sich die Burschen jedes Jahr aufs Neue freuen und daher gab es immer einiges an von beiden Seiten geplanten Tagesaktivitäten. Am Plan standen zum Beispiel das Abhalten von Nachhilfestunden genauso wie gemeinsames Volleyball- oder Fußballspielen und auch Tanz- und Theateraufführungen der Jungs. Es blieb also genügend Zeit sich mit den Kindern eingehend zu beschäftigen, ihnen näher zu kommen und durch ihre Geschichten zu erfahren wie man etwa als Straßenkind lebt. Die Gespräche und Blödeleien bis in die kühle Nacht um die warme Kochstelle werden mir genauso in Erinnerung bleiben wie der ganze Spaß und die Freude die ich in der Zeit dort hatte.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass mein Aufenthalt in Sambia ein in jeder Hinsicht äußerst bereicherndes Erlebnis war – medizinisch wie menschlich. Es war eine Kontaktaufnahme mit einem Land, seinen Leuten und seinen Problemen, oder Teilen davon, über die es noch sehr viel mehr zu erzählen, zu erfahren und zu wissen gäbe. Ich blicke daher auf eine spannende Zeit zurück und bin froh den Schritt gewagt zu haben. Wer die Chance bekommt an einem solchen oder einem ähnlichen Projekt teilzunehmen sollte sie meiner Meinung nach unbedingt nutzen.